Aufseßhöflein Bamberg Die Geschichte des Aufseßhöflein

Erzählt von Karin Dengler-Schreiber

 

Die Zeit der Fische

 

Ursprünglich war das Aufseßhöflein ein Weiherhaus, ein „Seehöflein“ in einem Fischteich. Teichanlagen treten in der Bamberger Gegend häufig seit dem 15. Jahrhundert auf. Investoren waren die Stifte und Klöster, die Fisch dringend als Fastenspeise benötigten. Außerdem hatten sie das Kapital für die erheblichen Investitionen, die die Anlage eines Fischweihers erforderte. Und das Geld, das dafür notwendige Personal zu bezahlen: die „Seegräber“, die den Teich anlegten und erhielten, die Fischer, die sich um den Fischbesatz kümmerten und schließlich die „Seewarte“ oder „Seemeister“, die das Ganze verwalten und bewachen mussten, damit die Fische auch demjenigen zugute kamen, der sie eingesetzt hatte. Dafür brauchten sie ein Haus möglichst nahe am oder sogar im See, wo sie Tag und Nacht anwesend sein konnten. So entstand auch der Vorläufer des Aufseßhöfleins, der 1455 erstmals erwähnt wurde. Er stand auf einer Insel in einem quadratischen Weiher.

 

Die Zeit der Herren

(1602-1698)

 

Und bald erkannte man, dass dort draußen auf dem Land am Wasser im Grünen der Aufenthalt nicht nur für Fische, sondern für Menschen sehr angenehm war, vor allem im Sommer. 1602 kaufte Georg von Künsberg den „Sehehof“ und erbaute sich auf der Insel im Weiher einen Herrensitz; außerdem gehörten weitere drei Weiher, Weinstöcke und Wald zu dem Ensemble. Leider wurde ihm eine Befestigung des Ganzen nicht erlaubt, denn im 30 jährigen Krieg wurde das  „Künsberger Seehöflein“ völlig ruiniert. Die Söhne des Georg von Künsberg verkauften es 1654 an den Bamberger Fürstbischof, der es als Lager für die Jagd nutzte, mit einem Hundezwinger und einem Vogelherd.

 

Die Zeit des Glanzes

(1698-1777)

 

Nach der Katastrophe des 30jährigen Krieges dauerte es lange, bis sich das Land einigermaßen erholt hatte. Wer aber in dieser Zeit Talent und etwas Kapital hatte, konnte es zu Reichtum bringen. Weil so viele Häuser, Äcker und Anwesen verlassen waren und brach lagen, konnte man für wenig Geld große Besitztümer erwerben. Das nutzte auch Carl Sigmund Freiherr von Aufseß. Er war protestantisch getauft, ist aber später zum Katholizismus konvertiert, wohl auch in der Hoffnung auf eine Karriere in der katholischen Kirche. 1686 wurde er in Bamberg Domdekan – einer der höchsten und bestbezahlten Posten im Domkapitel – und avancierte unter Lothar Franz von Schönborn zum dauernden Statthalter des häufig abwesenden Fürstbischofs. Er erwarb zahlreiche Rittergüter und eben auch das „Seehöflein samt Hofstat, 7 Weiherlein und 6 Tagwerk Wiesen um 800 fl.“ Mit den Immobilien gründete er eine Familienstiftung mit einem Vermögen von 60 000 Gulden. Als Stadthaus besaß Carl Sigmund das „Haus zum Saal“ (Wallensteinhaus) in der Langen Straße 3 in Bamberg, das er repräsentativ umbauen ließ. Noch heute zeugt davon das Aufseß-Wappen über dem Torbogen.

1717 erbt das Ganze sein Neffe Philipp Friedrich (1691-1743), der damit einer der reichsten Rittergutsbesitzer Frankens wurde. Philipp Friedrich liebte es, glanzvoll aufzutreten. Er begann 1723 mit dem Neubau des Aufseßhöfleins als sog. Lustschlösschen, wo man den Sommer verbringt, auf die Jagd geht, Feste veranstaltet und es sich gut gehen lässt. Als Baumeister leistete er sich wahrscheinlich den Architekten des Fürstbischofs, Johann Dientzenhofer, damals der Beste, der auf dem regionalen Markt zu haben war. Sieben Jahre später war alles fertig, auch die Gärten vor dem Schloss, teils auf der Insel, teils jenseits der Brücke beidseits der Allee, die damals noch genau auf das Schloss zuführte.

1743 stirbt Philipp Friedrich und hinterlässt all die aufwendigen Schlossanlagen seinem Sohn Philipp Heinrich (1715-1787). Und wie das oft geschieht: die dritte Generation verschwendet das, was die vorherigen aufgebaut haben. So war es auch in diesem Fall: Philipp Heinrich konnte nichts gut genug sein. So ließ er im „Seehöferlustschloss“ die Stuckdecken, die schon sein Vater teuer bezahlt hatte, zweimal neu machen. 1752 wird der Saal im Rokokostil von Dominikus Ecker nach Entwürfen des Architekten Joh. Jakob Michael Küchel ausstuckiert; damit hatte er wiederum die Besten und Teuersten, die damals zu haben waren, verpflichtet.

Derartige Ansprüche führten schließlich in den Ruin. Schon 1760 wurde das Aufseßhöflein nicht mehr als Lustschlösschen genutzt, die Säle wurden geschlossen, die Weiher, Wiesen und Wälder verpachtet, man beginnt Möbel und anderes Inventar zu verkaufen. 1777 war das reiche Erbe aufgebraucht; das Aufseßhöflein kam unter Zwangsverwaltung.

 

Die Zeit der Dienstboten und der Soldaten (1777-1839)

 

Der Sequestrationsverwalter des Schlösschens Engelhard verpachtete die untere Etage einem der früheren Diener der Aufseß. Doch schon ein Jahr später erwies sich diese Lösung als verfehlt, denn Paul Schwing zahlte nichts und führte „noch dazu die übelste Wirthschaft“: er vermesse sich, „nicht nur die oberen Mezanzimmer von erwachsener Tochter bewohnen, folglich solche ruinieren zu lassen“, sondern er nehme sich sogar die Frechheit heraus, „das ganze Schloss zu benutzen und eigenen Gefallen (nach) zu gebrauchen, als das er allerhand Gattungen von Leuten die Zimmer eröffnet, die Säle zum Tanzen erlaube und so zu sagen eine völlige Wirths und Zechstuben daraus mache“. Paul Schwing wurde gekündigt und er ist „mit Sack und Pack abgezogen“, nicht ohne dass seine Söhne noch einmal zurückkamen und aus dem Schlösschen alles, was noch irgendwie verwertbar war, mitgehen ließen.

Doch das war noch nicht das Schlimmste, denn wenige Jahre später war wieder Krieg. Die Jahre der napoleonischen Kriege setzten dem Schlösschen weit mehr zu als die bisherige Verwahrlosung. Als 1797 die Franzosen Richtung Bamberg zogen, hofften sie, im Aufseßhöflein vergrabene Schätze zu finden. Deshalb haben sie es „schier völlig untergraben, den Keller... aufgewühlet, die öfen ganz eingeschlagen, die thüren zerschmettert und verbrannt, schier nicht ein einziges fenster ganz gelassen,...  und die brücken zerlöchert."

In diesen Jahren des politischen Umbruchs konnte sich auch die Familie von Aufseß nicht um das Schlösschen kümmern. Der fränkischen Adel verlor damals nicht nur einen großen Teil seiner alten Rechte, sondern auch die lange übliche Versorgung der Familienmitglieder mit Ämtern im Hochstift und im Domkapitel. Viele Güter mussten verkauft werden, auch in der Familie von Aufseß. Erst der junge Hans von Aufseß, bekannt als Gründer des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg (das übrigens ursprünglich in Bamberg entstehen sollte), versuchte eine Wiederbelebung des Aufseßhöfleins. Doch dafür reichten auch seine Gelder nicht, er musste es verkaufen.

 

Die Zeit der Gärtner

(1839-2000)

 

1839 erwarb der Bamberger Gärtner Johann Leumer das Schlösschen und verwandelte es in ein landwirtschaftliches Anwesen. Der Teich wurde trockengelegt, die große Freitreppe abgebrochen und der Saal als Heuboden und Hühnerstall genutzt.

Und dann kam der Fortschritt ins Bamberger Land, die Eisenbahn. Für das arme Aufseßhöflein aber wurde sie zu einer großen Belastung. Zwei Bahnlinien wurden so gebaut, dass das Aufseßhöflein seit 1852 in einem Winkel zwischen zwei Bahngleisen eingezwängt war. Doch damit nicht genug. 1938 wollte die Reichsbahn eine Verbindung zwischen den beiden Strecken bauen. Die hätte quer über das Areal des Schlösschens geführt, das dafür abgerissen werden sollte.

Dort lebte damals Jakob Leumer mit seiner Familie. Bei ihm hatte bis zu ihrem Tod im Jahr 1938 seine Mutter gelebt, die er viele Jahre lang gepflegt hatte. Aber sie hatte alles ihrem älteren Sohn Niklas vererbt, der schon lang aus dem Aufseßhöflein ausgezogen war und kein Interesse daran hatte. Zwischen Jakob und Niklas brach ein heftiger Streit aus, der damit endete, dass Niklas das ganze Gelände 1941 an die Reichsbahn verkaufte. Die Stadt Bamberg sollte den Leumers einen anderen Gärtnereibetrieb zur Verfügung zu stellen. Doch das gelang nicht gleich. So blieben die Leumers im Schlösschen wohnen.

Und dann kommt ein neues Element dazu. Es regt sich Widerstand gegen den Abriss des Schlösschens aus Kreisen der historisch und kunsthistorisch interessierten Öffentlichkeit. 1940 erscheint in der Zeitung ein Artikel mit der Überschrift: „Das Aufseßhöfchen in der Bamberger Gärtnerflur – ein Kabinettstück barocker Baukunst vor dem Untergang?“, in dem eindringlich dafür plädiert wird, dieses für „Bambergs Städtebild wertvolle Bauwerk“ zu erhalten. Die Vertreter der Reichsbahn können solche Äußerungen gar nicht verstehen: jahrzehntelang sei das Haus verfallen und keiner habe sich drum gekümmert; es wäre auch ohne den Bahnbetrieb bald zusammengefallen. Auch die Stadt Bamberg bestätigt die totale Baufälligkeit des Gebäudes, die den Abriss unumgänglich mache.

Aber dann scheint eine Planänderung eingetreten zu sein, das Bahngleis führt jetzt 7 Meter hinter dem Schlösschen vorbei, und plötzlich ergaben im Oktober 1941 „eingehende Messungen des Reichsbahn-Zentralamtes, dass das Aufseßhöflein durch den Bahnbetrieb in keiner Weise beeinträchtigt wird.“

Zu diesem Zeitpunkt war Jakob Leumers Sohn Adam bereits eingezogen worden; er kam an die Ostfront und erst 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause. Auch er setzt sich jetzt für einen Erhalt des „Barockdenkmals“ ein. Es bildet sich ein nicht eingetragener Verein der „Freunde des Aufseßhöfleins“, die mit einer Postkarte nach einem Gemälde des bekannten Malers Fritz Bayerlein um Spenden wirbt. 1953 nimmt das BLfD das Aufseßhöflein in die Denkmalliste auf, obwohl die Stadt Bamberg dessen Denkmalwürdigkeit heftig anzweifelt mit der Begründung, es sei nicht möglich, „ohne einen ganz bedeutenden finanziellen Aufwand dieses Schlösschen als Denkmal zu retten“.

Währenddessen versucht Adam Leumer, die Bundesbahn auf Schadenersatz zu verklagen. Er verrennt sich immer mehr in Rechtstreitigkeiten, schreibt unzählige Leserbriefe, vernachlässigt seinen Gärtnerbetrieb, wegen nicht bezahlter Prozesskosten wird ein Teil der Grundstücke verpfändet. Dann kommt einer seiner Söhne bei einem Unfall im Wald ums Leben und 1999 stirbt seine Frau Elisabeth. Adam Leumer haust jetzt alleine in dem unbeheizten Gebäude. Als der Sonderling im Jahr 2000 hänselnde Kinder mit einer ungeladenen Schrotflinte von seinem Grundstück verjagen will, wird er in einer geschlossenen Pflegeanstalt untergebracht.

Die Betreuung wird Herrn Wilfried Uhl übertragen. Herr Uhl lässt als erstes den Müll, der seit den 1940 Jahren im und um das Haus gelagert worden war, entfernen, 40 Tonnen insgesamt.

 

Die Zeit der Verzweiflung

(2000-2011)

 

Trotz Notsicherungsmaßnahmen – eine Zeitlang war das ganze Gebäude in Plastik eingehaust - verschafften sich immer wieder Eindringlinge Zugang ins Schlösschen und verheizten z.B. die Treppe und zerstörten Deckengemälde.

Ein Ende des Elends zeichnet sich ab, als der Steinrestaurator Ulrich Bauer-Bornemann das Aufseßhöflein zu seinem Firmensitz machen will. Ein „Glücksfall“, denn Herr Bauer-Bornemann hat sehr viel Erfahrung mit der Restaurierung von Denkmälern. Doch die Finanzierung des Projekts zog sich hin. Und dann war es zu spät.

Denn im Dezember 2002 starb Adam Leumer und Herr Uhl musste es an den Erben, Josef Leumer übergeben. Sein Treuhänder, MdL Dr. H. Müller, setzte den Grundstückswert von 50000.- Euro auf 200000.- Euro herauf. Daraufhin stieg Herr Bauer-Bornemann, der für Vorarbeiten schon etwa 70000.- Euro ausgegeben hatte, aus dem Projekt aus. Der nächste Käufer, ein Heilpraktiker aus Höchstadt/Aisch, kam mit den Anforderungen der Denkmalpflegeüberhaupt nicht zurecht. Aus Verärgerung über die – aus seiner Sicht – Behördenwillkür bot er im Juli 2011 im FT das Aufseßhöflein für 50000.- Euro zum Verkauf an.

 

Die Zeit des Wunders

(2011-?)

 

Und dann geschieht das Unglaubliche – Stefan und Andrea Fiedler lasen den FT-Artikel, telefonierten mit Herrn Wasel und erwarben kurz entschlossen das Aufseßhöflein, das sie seit ihrer Kinderzeit kannten. Sie interessierten sich, so sagten sie im Interview, „schon immer“ für das Schlösschen und konnten seinen Verfall einfach nicht mehr mit ansehen. Trotz aller Warnungen von Freunden und Wohlmeinenden hatten sie den Mut, diese Riesenaufgabe anzugehen. Bis zu einem gewissen Grad wussten sie, worauf sie sich einließen, denn sie hatten schon acht alte Häuser saniert und für eines erhielten sie sogar den Denkmalpreis der Hypokulturstiftung.

Von 2011 bis 2015 haben sie mit unendlich viel Eigenleistung das Haus renoviert, haben allein oder mit Freunden jedes Wochenende und viele Abende auf der Baustelle verbracht, um z.B. das ganze riesige Dach zu decken, wurden Spezialisten für barocke Fehlböden und haben zusammen mit ihrem Architekten, Michael Schelz, jede Schwierigkeit gemeistert. Sie haben eng mit den Behörden zusammengearbeitet und bekamen von vielen Stellen finanzielle Unterstützung: von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Oberfrankenstiftung, dem bayerischen E-Fonds, der Bundesrepublik Deutschland und der Stadt Bamberg. Nur so waren die 1,7 Millionen für die Restaurierung zu stemmen.

 

 

Barockes Kleinod in der Bamberger Nordflur